Der Stillstart zu Hause: Sicher durch die ersten Tage mit deinem Baby
Die Ersten Tage mit deinem Baby sind unbeschreiblich. Wundervoll (im wahrsten Sinne des Wortes!) und überwältigend, weil man man sich plötzlich so viel Ungewohntem gegenübersteht. Du merkst, wie du körperlich an deine Grenzen kommst: Die Nächte sind eher kurz und dein Baby möchte ununterbrochen an deine Brust oder einfach nur in deiner Nähe sein.
Du fragst dich, ob das normal ist, ob du alles richtig machst und ob du genügend Milch hast.
In diesem Artikel erfährst du, was in den ersten Tagen mit Baby normal ist, wie du Unsicherheiten einordnen kannst und wann es sinnvoll ist, dir Unterstützung zu holen.
Aus meiner langjährigen Erfahrung als Kinderkrankenschwester und Stillberaterin kann ich dir schon einmal sagen: Der Stillstart muss nicht perfekt sein, beziehungsweise nicht so perfekt, wie wie uns das vorgestellt haben. Du und dein Baby werdet da gemeinsam hineinwachsen.
1. Ankommen im Wochenbett: Was in den ersten Tagen normal ist
1.1. Dein Baby möchte sehr häufig trinken, das ist gut so!
In den ersten Tagen hat man das Gefühl, dass das Baby ständig an die Brust möchte. Es ist wirklich so, dass die Neugeborenen alle zwei bis drei Stunden gestillt werden möchten. Wenn nicht noch öfter. Das hat einen guten Grund: Durch das häufiges Stillen kommt die Milchproduktion erst richtig in Gang. Dein Baby weiß also intuitiv, was es tut.
1.2. Müdigkeit und Emotionen im Hormonchaos
Jede Frau, die schon einmal ein Baby zur Welt gebracht hat, kann dies bestätigen: Dein Körper leistet Großartiges. Die Hormonumstellung nach der Geburt kann intensive Gefühle auslösen, von tiefer Freude bis zu Tränen, auch ohne gleich erkennbaren Grund. Erschöpfung ist hier ganz normal.
Erlaube dir, dich zusammen mit deinem Baby zurückzuziehen, viel zu liegen und Hilfe anzunehmen.
1.3. Nähe, Körperkontakt und Stillen im Liegen
Bonding, also Haut-zu-Haut-Kontakt ist das A und O für das Stillen. Im Wochenbett solltest du es dir zur Gewohnheit machen, die meiste Zeit mit dem Baby zusammen im Bett zu verbringen und zu kuscheln, möglichst Haut an Haut.
Such dir für den Anfang eine Stillposition aus, die für dich am bequemsten ist. Die meisten Frauen (außer in den ersten Tagen nach Kaiserschnitt) empfinden hier die liegende Stillposition am angenehmsten. Siehe auch die weitere Erklärung unter 5.2.
2. Wie oft sollte mein Baby in den ersten Tagen trinken?
2.1. Stillen nach Bedarf oder fester Rhythmus?
Wie wir in den vorherigen Abschnitten gesehen haben, ist das häufige Anlegen ganz natürlich und sehr wichtig für die Milchbildung. Dein Baby weiß, wann es saugen muss. Einen festen Rhythmus kann man am Anfang auf keinen Fall erwarten. Auch wenn man es leider immer noch hört, dass es wichtig ist, gewisse Zeiten einzuhalten. Diese Ansicht hält sich bis heute leider hartnäckig. Im späteren Verlauf stellt sich von ganz allein eine gewisse Regelmäßigkeit ein.
Stillen nach Bedarf ist also vollkommen natürlich.
2.2. Clusterfeeding verstehen
Cluster-Stillen oder Marathon-Stillen, wie es auch genannt wird erkennst du daran, dass dein Baby besonders am späten Nachmittag, abends und in der ersten Nachthälfte besonders häufig trinken möchte. Oft gefolgt von einer längeren Schlafphase danach. An diesem Verhalten wird das Wunder des Stillens noch mal ganz deutlich. Das Baby sorgt dafür, dass es auch in der nächsten Zeit genug zu essen bekommt. Denn wenn das Kind die Brust häufig und gründlich entleert, wird auch genügend Milch nachgebildet, also so viel, wie das Kind braucht. Die Voraussetzung ist natürlich, dass das Baby immer gestillt werden kann, wenn es möchte. Somit schließt sich der Kreis. Denn wenn du in deinem Wochenbett viel Zeit mit deinem Baby (Haut-zu-Haut) verbringst, ist die Milch ständig verfügbar.
Lichtblick: Dieses „ständige“ Stillen hält nicht immer an. Auch wenn es immer wieder Phasen gibt, wie z.B. in Wachstumsschüben oder bei Krankheit, in denen dein Kind häufiger an die Brust möchte.
2.3. Woran erkenne ich, dass mein Baby genug Muttermilch bekommt?
Nach einem unkomplizierten Geburtsverlauf, wenn dein Baby gesund und kräftig ist und wenn ihr nicht voneinander getrennt wurdet (zum Beispiel aus medizinischen Gründen) dann gibt es eigentlich keinen Grund, warum das mit dem Stillen nicht klappen sollte. Für die ersten Tage kannst du dich an folgenden Anhaltspunkten orientieren:
- Ist mein Baby aktiv und aufmerksam
- Trinkt mein Baby anfangs konzentriert etwas schneller (bis zur Auslösung des Milcheinschusses) anschließend mit ruhigen langsamen Zügen?
(Schluckgeräusche sind nicht immer hörbar) - Sieht man die Saugbewegungen bis zu seinem Öhrchen? (Ohren- und Schläfenmuskeln bewegen sich)
- Ist es nach dem Stillen zufrieden, schläft eventuell ein?
- Hat es rund um die Uhr die Möglichkeit, zu trinken?
- Ausscheidung: In der ersten Lebenswoche: ausreichende Stuhlausscheidung, ab der zweiten Lebenswoche etwa 6 nasse Windeln in 24 Stunden
- Spüre ich selbst, dass das Stillen funktioniert?
3. Der Milcheinschuss
3.1. Spannungsgefühl und pralle Brust
Etwa am 3. bis 4. Lebenstag deines Babys werden deine Brüste praller und fangen an, zu spannen. Sehr gut! Das bedeutet, dass du dich mitten im „Milcheinschuss“ befindest: Initiale Brustdüsenschwellung + Zunahme der gebildeten Milchmenge. Diese Spannungsgefühle und prallen Brüste verschwinden nach einigen Tagen.
3.2. Wann kommt die reife Milch?
In den ersten Lebenstagen trinkt dein Baby das Kolostrum (= Vormilch). Es ist dickflüssig, goldgelb und wird, wir du sicherlich gemerkt hast, auch schon vor der Geburt gebildet. Die Menge scheint verschwindend gering zu sein. Jedoch ist die Menge genau auf den Magen des Babys abgestimmt, der ungefähr die Größe einer Weintraube hat. Dieses Kolostrum ist so wertvoll! Die darin enthaltenen Nährstoffe und Immunstoffe sind exakt das, was das Baby in dieser ersten Zeit braucht.
Mit der Zeit kommt immer mehr „Übergangsmilch“ dazu, die das Kolostrum nach 5-7 Tagen ganz ersetzt. Jetzt ist die Milch auch schon nicht mehr goldgelb. Etwa nach 14 Tagen wird dann die „reife Muttermilch“ gebildet.
4. Häufige Stillprobleme in den ersten Tagen zu Hause
4.1. Wunde Brustwarzen
Die Brustwarzen müssen sich natürlich erst mal an diese starke Beanspruchung gewöhnen. Deswegen können sie schon anfangs etwas gereizt sein. Daher ist es empfehlenswert, die Brustwarzen nach dem Stillen mit etwas Muttermilch zu beträufeln und an der Luft trocknen zu lassen.
Sollten die Brustwarzen wund werden, liegt es meistens daran, dass das Kind die Brust nicht genügend in den Mund nimmt, oder dass es nicht gut an der Brust anliegt.
4.2. Unsicherheit bei der Milchmenge
In Punkt 2.3. ist beschrieben, woran du erkennen kannst, ob dein Baby genug Milch bekommst. Wenn du dir hier unsicher bist, hole dir bitte Hilfe.
4.3. Baby schläft beim Stillen ein
Wenn dein Baby beim Stillen einschläft, du aber spürst, dass es noch nicht genügend getrunken hat: Nimm dein Kind hoch, zieh es aus, versuche es, „wach-zu-wickeln“. Wenn das Baby gerne beim Stillen einschläft, ist generell sinnvoll, es nicht zu warm anzuziehen, besser nackig lassen. Sofern die Raumtemperatur stimmt, und das Kind nicht so schnell auskühlt.
4.4. Stillen tut weh, was nun?
Wenn die Brustwarzen schmerzen: Schau, ob das Baby richtig angelegt ist: Es könnte daran liegen, dass es die Brust nicht ganz erfasst. Abgesehen davon, dass die Brust so nicht optimal entleert wird, können die Schmerzen an der Brustwarze mit der Zeit so stark sein, dass sie nicht auszuhalten sind. Versuche die Position des Kindes verändern. Näheres dazu, wie das Baby optimal liegt, habe ich in dem Stillstart-Leitfaden beschrieben, den du dir gerne kostenlos herunterladen kannst.
5. Stillpositionen für entspannte Tage im Wochenbett
5.1. Wie finde ich meine Wohlfühlposition?
Vertrau da ganz auf dich! Was für dich am bequemsten ist, wo du dich am besten entspannen kannst, dass ist die richtige Position für dich. Schließlich ist das Stillen zur Zeit deine Hauptaufgabe! Denke daran, deinen Rücken gut abzustützen, wenn du im Sitzen stillst.
5.2. Stillen im Liegen
In Punkt 1.3. habe ich das Stillen im Liegen erwähnt, das die meisten frauen im Wochen bett als sehr angenehm empfinden. Achte hier darauf, dass du ganz auf der Seite liegst, der Kopf liegt auf dem Kissen, die Schulter ist frei. Dein Baby liegt Bauch an Bauch zu dir gewandt. Sein Mund in Höhe der Brustwarze. Positiver Nebeneffekt dieser Stillposition: Die Milch fließt leichter!
6. Selbstfürsorge im Wochenbett
6.1. Unterstützung annehmen
Das Wochenbett ist eine ganz besondere Zeit. Ganz ungewohnt, wenn es das erste Kind ist. Es ist ungewohnt, nicht selbst machen zu müssen, sondern Hilfe anzunehmen. Wenn es irgendwie geht, und wenn dir Unterstützung angeboten wird: Nimm sie an! Für Familie und Freunde ist es meistens sogar einer Freude, wenn sie euch ein Essen vorbeibringen können, oder ähnliches.
6.2. Essen, trinken, kuscheln
Deine Hauptaufgabe ist: Ankommen in der neuen „Mama-Rolle“. Stillen, kuscheln…. Denke daran, du hast Großartiges geleistet, und du darfst dich davon erholen! Je mehr Zeit du in den Stillstart investiert, desto besser läuft es später.
Lass dich bekochen und verwöhnen.
Der Papa soll natürlich auch nicht zu kurz kommen! Während du unter anderem für die Ernährung des Babys zuständig bist, könnte er zum Beispiel Profi im Wickeln werden. Nutzt diese Zeit, um als kleine Familie zusammen zu wachsen. Genießt diese Zeit, sie kommt so nicht wieder.
7. Wann sollte ich mir Unterstützung holen?
7.1. Schmerzen halten länger an und wunde Brustwarzen
Wenn Schmerzen beim Stillen länger anhalten, stimmt etwas nicht. Du musst da nicht durch. Bitte hole dir Hilfe bei deiner Hebamme oder Stillberaterin. Dies gilt auch bei wunden Brustwarzen, die nicht heilen.
Oft ist es nur eine Kleinigkeit, die geändert werden muss, damit du wieder schmerzfrei stillen kannst.
7.2. Das Baby ist sehr schläfrig
Wenn dein Baby sehr schläfrig und schlapp ist, schlecht aufzuwecken ist und nicht trinkt, hole dir bitte frühzeitig Hilfe. Zögere hier nicht, deinen Kinderarzt aufzusuchen.
7.3. Das Baby nimmt nicht richtig zu
Mangelnde Gewichtszunahme ist auf jeden Fall ein Grund, um Hilfe zu suchen. Frage deine Hebamme oder Stillberaterin oder deinen Kinderarzt
Du fühlst dich unsicher oder überfordert
Du hast so viel geschafft! Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit können ganz schön herausfordern. Man kann nicht immer stark sein. Es ist immer der richtige Weg, Unterstützung zu suchen, wenn man einmal nicht mehr weiter weiß. Oft reicht nur ein Blick von außen, ein offenes Ohr, ein Tipp, und schon geht es wieder besser.
Fazit: Vertrauen
Dieser Artikel ist sehr allgemein gehalten, also wie es ablaufen kann, nach einem unbeschwertem komplikationslosen Geburtsverlauf. Auch bin ich mir dessen bewusst, dass es nach der ersten Geburt noch möglich sein kann, das Wochenbett unbeschwert zu genießen, während dies ab dem zweiten Kind schon schwieriger wird. Hier spreche ich aus Erfahrung, da ich selbst vierfache Mutter bin…)
In meinem Arbeitsalltag als Kinderkrankenschwester und Stillberaterin in der Klinik betreue ich häufig Familien mit erschwertem Stillstart. Wenn Du hier konkrete Anliegen und Fragen hast, sprich mich bitte an. Gerne begleite ich euch auch hier! Denn auch wenn alles nicht so lief, wie geplant, kann es auch nachträglich einen Neustart geben.
Wie auch immer der Start ist oder war: Du bist das Beste, was deinem Baby passieren kann. Du bist sein Ein und Alles und nur du kannst ihm alles geben, was es wirklich braucht. Du kannst dir da wirklich vertrauen!
Wenn Du auf eurem Weg begleitet werden möchtest, schau gerne bei meinen Angeboten vorbei, oder schreib mir.
Quellen: Praxisbuch; Besondere Stillsituationen, Still-Lexikon
